Aufsatz Lernen in Haben- oder Seinweise

November 16, 2019 0 Von Merle

Für unseren Seminarunterricht sollten wir einen wissenschaftlichen Aufsatz schreiben, der sich mit Fromms Theorie der Lernweise des Habens und des Seins beschäftigt. Hier ist mein Ergebnis:

In folgendem wisschenschaftlichen Aufsatz werde ich mich auf einen Textauszug aus dem Buch „Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft.“ 46. Auflage 2019, dtv, München, 1979 von Erich Fromm, der für den Unterricht von Marina Braun zusammengestellt wurde, beziehen.
Zuerst werde ich die Kernaussage des Textes wiedergeben und mich im Anschluss mit einer inhaltlichen Frage beschäftigen.
Im Textauszug wird der Unterschied der Weise des Seins und des Habens anhand des Beispiels des Lernens erläutert.
Fromm zeigt zunächst auf, wie sehr sich unsere heutige Gesellschaft auf die Weise des Habens fokussiert anstatt auf die des Seins und klärt des Weiteren darüber auf, dass genau dieser Fakt in der Philosophie auf viel Kritik stößt. So zitiert er sowohl Jesus und Buddah, als auch Marx und Eckhardt, dessen Aussagen sich alle darauf berufen, dass es das Ziel sei mehr zu sein und weniger zu haben. Fromm zieht den Schluß, dass die komplexen Unterschiede zwischen dem Haben und dem Sein eines der größten Probleme der menschlichen Existenz seien.
Auf das Beispiel des Lernens bezogen nennt er die Unterschiede von Studenten, die in der Weise des Habens und in der Weise des Seins lernen. So behauptet er, dass bei ersterer Lernmethode die Schüler sich lediglich die Informationen abspeichern, sie aber nicht näher an sich heranlassen, während Studenten, die durch die Weise des Seins lernen, die Informationen nicht bloß aufnehmen, sondern sich auch aktiv damit beschäftigen, hinterfragen und sie in ihr Leben einbauen.
Sie können durch ihre Existenzweise ihre eigene Gedankenwelt bereichern und ausbauen, während die anderen Informationen bloß in ihre Sammlung an gelerntem Wissen einreihen würden.
Er gibt zu denken, dass durch das viele Sammeln an Wissen und stumpfen Aufschreiben und Einprägen unser Erinnerungsvermögen vernachlässigt wird.
Dabei kritisiert er auch das Schulsystem, das die Kinder dazu bringen solle die Weise des Habens anzuwenden, Ihnen Wissen auf den Weg gibt, sie aber nicht dazu bringt über Gelerntes richtig nachzudenken und Dinge zu hinterfragen.
Fromm hat einen sehr strukturierten Text mit einigen Zitaten und Beispielen, die beinah jeder nachvollziehen kann, verfasst und konnte somit seine Meinung über die Lernweise des Habens und des Seins verständlich und genau vermitteln.
Nun werde ich mich mit der inhaltlichen Frage auseinandersetzen, ob man denn tatsächlich die Methode des Seins dauerhaft anwenden kann und sollte.
Eine Frage, bei der Erich Fromm wahrscheinlich mit ja geantwortet hätte, die jedoch in gewissen Punkten Bedenken verursachen kann.
Ich werde diese Frage nun erörtern und beginne mit den Proargumenten.
Die Lernmethode des Seins fördert das eigene Gedächtnis und die Fähigkeit sich Dinge zu merken.

Wenn man sich mit Themen tiefergehend beschäftigt und darüber nachdenkt anstatt nur Informationen abzuschreiben, kann man Gelerntes besser behalten.
Dieses Argument findet sich so auch im Text von Erich Fromm wieder: “…Lehrer können beobachten, daß Schüler, die jeden Satz gewissenhaft mitschreiben, aller Wahrscheinlichkeit nach weniger verstehen und sich an weniger erinnern als solche Schüler, die auf ihre Fähigkeit vertrauen, wenigstens das Wesentliche zu verstehen und zu behalten.“ (Abschnitt S.49 Zeile 6ff)
Des Weiteren kann man durch diese Methode sein eigenes Leben bereichern und verbessern.
So lernt man beispielsweise nicht bloß Weisheiten der Philosophen auswendig, sondern beschäftigt sich mit ihnen, hinterfragt sie und baut die Erkenntnisse in sein eigenes Leben ein.
Auch dieses Thema spricht der Autor an: „…Er hat nicht bloß Wissen erworben, das er nach Hause tragen und auswendig lernen kann. Jeder Student ist betroffen und verändert worden: Jeder ist nach dem Vortrag ein anderer als vorher.“ (Abschnitt Lernen Zeile 26ff)
Das letzte Argument für die Lernmethode des Seins ist, dass das Lernen dadurch mehr Freude bereitet.
Themen, die man bloß auswendig lernt und in seinen Kopf quetscht, können niemals so interessant werden wie Themen mit denen man sich aktiv auseinandersetzt.
Ich merke auch selber immer wieder, wie viel Spaß Schule machen kann, wenn man sich für Dinge wirklich interessiert und dass das auch einen positiven Einfluss auf die Bewertung haben kann.
Andererseits gibt es auch einige Schwierigkeiten bei der Umsetzung, die ich in folgenden Argumenten darstellen möchte.
Zum ersten ist die Frage, ob man seine Art zu lernen überhaupt ändern kann, oder ob dies ein angeborenes oder antrainiertes Verhalten ist, das so bleibt wie es ist.
Jeder Mensch hat ja gewisse Verhaltensweisen, die nicht immer positiv sind, die er aber nicht einfach ändern kann.
Ob es gehen würde und wenn wie lange eine solche Veränderung dauern würde ist fraglich und Fromm gibt hierauf im Text auch keine Antwort.
Eine zweite Schwierigkeit ist, dass es zu viele Informationen sind, die überliefert werden.
In der Schule wird so viel Unterrichtsstoff vermittelt, dass es nahezu unmöglich ist sich mit jedem Thema genauestens auseinander zu setzen, wirkliche Interesse zu zeigen und es in sein Leben einzubringen.
Auch hierzu sagt Fromm lediglich: „Auf leeres Gerede kann man nicht in der Weise des Seins reagieren und tut besser daran, nicht zuzuhören, sondern sich auf seine eigenen Gedanken zu konzentrieren.“ (Abschnitt Lernen Zeile 29ff)
Der letzte und wichtigste Kritikpunkt ist, dass niemand sich für jeden Unterrichtsstoff interessieren kann.

Jeder hat Fächer, die er interessanter findet als andere, so liegt dem einen das Naturwissenschaftliche und der nächste findet es spannend neue Sprachen kennenzulernen.
Um in der Schule tatsächlich dauerhaft in der Weise des Seins zu lernen müsste man sich aber für jedes Thema in jedem Fach interessieren. Die Wahrscheinlichkeit ist doch sehr gering, selbst wenn die Lehrer es möglichst spannend rüberbringen.
In diesen Fächern, wie Fromm sagte einfach nicht zuzuhören ist allerdings auch nicht die beste Lösung, wenn man einen guten Schulabschluss erreichen möchte.
Die Schwierigkeit, dass das Schulsystem nicht mit dieser Lebensweise vereinbar ist, hat auch Fromm erkannt und in dem Textauszug benannt: „ Unser Bildungssystem ist im allgemeinen bemüht , Menschen mit Wissen als Besitz auszustatten, […]“ (Abschnitt S. 57ff Zeile 9)
Zusammenfassend kann man sagen, dass Fromm in seinen Punkten durchaus Recht behält und ich persönlich kann seine Gedanken sehr gut nachvollziehen, aber auch die Probleme unseres Schulsystems, die er ausführlich geschildert hat, sind definitiv ein Hindernis, bei dem unklar ist ob es überwunden werden kann.
Die Weise des Seins als Lernmethode anzuwenden sehe ich als sinnvoll an, jedoch nur solange es einem zeitlich und inhaltlich möglich ist.
Wenn es zu viel oder zu wenig interessanten Stoff gibt, würde ich immer empfehlen auch die Methode des Habens anzuwenden, damit man die Leistungen, die in der Schule erbracht werden müssen, erreichen kann.
Damit man tatsächlich dieses interessantere, nützlichere und plump gesagt spaßigere Lernen umsetzten kann müsste man wohl unser gesamtes Bildungssystem umändern.
Allerdings nehme auch ich mir vor immerhin so viel wie möglich auf diese Art zu arbeiten und zu lernen.