Reflexion der Projektwoche: eine Lobeshymne

September 27, 2019 1 Von Marina Braun

Heute beendete die Zukunftsklasse mit einem Workshop und der Freitagsdemo eine ganz unglaubliche Woche. Ich bin geflasht und möchte gerne euch und der Welt erzählen, warum.

Liebe 11b, dieser Text ist für euch!

Begonnen hat die Woche am 20.9. mit einem globalen Klimastreik. Ich fand es schön zu sehen, wie begeistert sich viele aus der Klasse in die Menschenmassen gestürzt haben. Ein wenig Bauchweh hatte ich auch, euch so einfach aus den Augen zu lassen, zu vertrauen und loszulassen. Es widerspricht dem, was wir als Lehrerinnen lernen. Wir sollen lenken, führen, kontrollieren. Vertrauen steht selten auf den Kernplänen der Uni.

Niemand hat mein Vertrauen enttäuscht. Ich habe Meldungen von Verbleiben aller erhalten, während ich selber mit einer kleinen Gruppe wartete und später im Zug lief. Heute konnte ich auch eure Reflexionen und Berichte lesen und es war toll zu sehen, wie ernsthaft ihr euch mit euch, der Demo und der Klimakatastrophe beschäftigt habt. Euch frei laufen zu lassen war eine super Entscheidung, weiß ich jetzt.

Die Woche setzte sich für mich am Sonntag fort. Etwa 4h verbrachte ich damit, diesen Blog vorzubereiten, ein Logo zu entwerfen und zu planen. Es hat Spaß gemacht und ich habe gemerkt, dass ich von der Demo und eurer Zuverlässigkeit motiviert war und mich richtig auf die Woche gefreut habe. Am Montag habe ich den Blog von euch befüllen lassen und war toll zu sehen, wie ihr euch auf die unbekannte Umgebung gestürzt habt, sie entdeckt habt. Es wurde herumprobiert, einige haben Fragen gestellt zur Bedienung, einige konnten gleich loslegen. Ich habe die Accounts angelegt und war nervös wegen meiner Prüfung, aber das war ok. Eure digitale Kompetenz zu sehen, auch teilweise den Stolz auf die eigene Seite, das war schon sehr cool. Lustig war die Pause: Anscheinend seid ihr langsam darin angekommen, Zeitrahmen nicht ganz so ernst zu nehmen, wenn es um Arbeitszeit geht. Es hat fast 30min länger gedauert, bis alle aus der Pause wieder da waren – aber, Hochachtung, dann hat auch keiner gefragt oder gemeckert, als es nach hinten hin eben auch 30min länger wurde. Den zweiten Film von AlGore zu sehen, war nicht so spannend wie den ersten, aber ihr habt ruhig geschaut, vielleicht ein wenig entspannt. Das war respektvoll, denn so (hatte ich das Gefühl) wurde niemand gestört durch Reden oder Unruhe, der wirklich schauen wollte. Insgesamt habe ich dabei über euch gelernt, dass sich viele von euch etwas bis zum Ende anschauen und danach ein begründetes Urteil fällen, statt vorher schon zu mosern. Das ist eine tolle Reife und ein so hervorragendes Verhalten, da könnten sich manche Erwachsene eine Scheibe von abschneiden!

Am Dienstag habt ihr engagiert im Workshop mitgearbeitet, habt mir Widerspruch und Debatte geliefert und wart ganz herrlich aktiv. (Lasst euch nicht von meinen manchmal harschen Positionen an die Wand drängen! Meistens provoziere ich ja gern, um euch im Überlegen und Begründen der eigenen Position zu bestärken… Am Ende des Jahres seid ihr dann hoffentlich fit analog und im digitalen Raum gut zu debattieren und euch auch mal in schwierige Diskurse selbstbewusst einbringen zu können.) Unser Vortragende war sehr angetan und ich sehr stolz hinterher auf euch. Die Ernährungswissenschaftlerin kommt nach den Ferien vorbei, ich habe sie gleich nachmittags gefragt.

Mittwoch war kurz, aber auch da wieder – ihr geht wirklich gut mit neuen Tools um. Bis auf das ständige Löschen hat auch niemand großen Quatsch im Pad gemacht. Und die Arbeitsergebnisse konnten sich sehen lassen – wenn ihr noch etwas geübter und disziplinierter werdet, könnt ihr bald Kollaboration online umsetzen, ohne dass ich am Ende noch so stark moderieren muss.

Und dann war schon Donnerstag. Ich war so nervös, ich hatte Bauchweh. Aber tipptopp waren alle pünktlich da – inklusive Vorbeifahren aufgrund zu eifriger Pflichterfüllung. Der ICE fuhr (oh, meine größte Sorge!) und alles lief. Lief wie am Schnürchen. Wir kommen im Camp an, eine Ansage – Zack, alle verteilen sich, eifrig Interviewpartner suchen. Es waren leider weniger da, als wir gehofft hatten, aber ihr habt, soweit ich es bis jetzt beurteilen kann, das Beste draus versucht zu machen. Ich habe mich entspannen können. Wirklich irre – da bin ich die einzige Begleitung von 24 pubertierenden Jugendlichen auf der Fahrt nach Berlin und sitze entspannt in der Sonne, lausche dem Plenum und habe Gelegenheit, selbst noch etwas zu lernen über Gesprächskultur. Für all diese Professionalität, die ihr den ganzen Tag gezeigt habt, bin ich euch sehr dankbar. Das macht ihr super! (Natürlich kann man hier und da noch nachbessern, aber hey, ihr wart wirklich gut, und das zählt.)

Auch in dem Workshop hier habt ihr gut mitgemacht. Ich habe verschiedenes Feedback hinterher bekommen – alle haben es gefeiert, dass ihr da wart und fanden euch gut. Ich habe gelernt, dass einige von euch außer Haus richtig aufblühen und versteckte Talente haben und das andere Provokation so gut verpacken können, dass es sehr lustig ist.

In der Mittagspause habt ihr wieder gezeigt, wie reif, zuverlässig und selbständig ihr schon seid. Wenn die Lehrerin als Vorletzte und der Vortragende als Letzter am Treffpunkt ankommen, weil die ganze Klasse trotz des freien Zerstreuens so pünktlich ist, dann spricht das sehr für die Klasse. Und ich habe Dank eurer Sportübungen gelernt, dass ich auf den Fersen sitzen kann und dass das nicht Jede*r kann. Jay, ich kann was mit Bewegung!

Im Museum habe ich manche von euch daran erinnert, dass wir zum Lernen da sind. Es hat mich geärgert, dass einige die Zeit nicht so intensiv und effektiv genutzt haben, wie es schön gewesen wäre – solche Gelegenheiten bieten sich eben nicht so oft… Aber ich habe mich gefreut, dass ihr euch alle gut benommen habt (den Lärm vor dem Skypecall ausgenommen), dass etliche von euch sich für die klassische Austellung so begeistern konnten und dass ich viel Neugierde und Freude am Lernen, aber auch viel persönliches Berührtwerden erleben konnte. Ich hatte den Eindruck, dass ihr beide Austellungen an euch herangelassen habt, einige vielleicht tiefer als andere. Ein Null-Bock-Rumgeschlurfe gab es aber bei niemandem – was für eine engagierte und tolle Gruppe junger Menschen. Cool auch, dass ihr euch einfach entspannt mit Fragen an die Expertin im Skypecall wenden konntet – Offenheit und Interesse sind wichtige Stärken. (Ich habe aber gemerkt, inhaltlich mit so komplexen Kontexten und Informationen, Text und Sprache der Wissenschaft umzugehen, müssen wir noch üben. Dafür ist ja das Fach Seminar da.) Auch beim anschließenden Vortrag habt ihr tapfer durchgehalten, obwohl wenn viele von den vielen Eindrücken schon sehr groggy waren. Irgendwann sind Gehirne voll, das weiß ich auch, aber auch hier habt ihr (größtenteils) ruhig und diszipliniert zugehört, habt den Vortrag ermöglicht und auch daran partizipiert als Gruppe. Ich nehme das Bild mit, wie jemand nach hinten im Zug läuft und völlig ignoriert wird, dass ich immer wieder gerufen habe, man müsste die Handbremse ziehen. So wie ich in dem Moment müssen sich die Scientists4future schon seit Jahren fühlen! Herr Hagedorn war geduldig und hat einiges erklärt, dass ich nicht wusste. Ich fand seinen Vortrag lang, aber sehr interessant und auch seine Antworten auf das Interview hinterher waren spannend. Die Gruppe war übrigens gut vorbereitet und hat im Team zusammen agiert, das war schön zu sehen. Insgesamt war hat es sich auf jeden Fall gelohnt, seiner Einladung zu folgen, ich hoffe, dass ihr das auch so seht. Vielen Dank an ihn, die Aktivisten des we4future Camps und unsere Sponsoren (Melissantum gemeinnützige GmbH, Herr Hallwachs samt Firma und Familie Goos) für die Ermöglichung dieses tollen Tages!

Bei der Rückfahrt waren wir alle durch. Das war lustig, weil nach müde albern kam und ihr alle so wohlerzogen albern wart, dass ich entspannt bleiben konnte, statt euch ständig von größerem Blödsinn abhalten zu müssen. Ich war so fertig, als ich Zuhause ankam, aber dann war mein Mann da, hatte den Router für euch fertig konfiguriert und ich habe ihm beim Testen geholfen und mich gefreut, dass es für euch bald wieder (hoffentlich) flüssigeres WLAN gibt. Ich hab richtig gemerkt, wie anstrengend der Tag war, aber auch toll. Als ob ich einen Tag Kultururlaub mit einem großen Freundeskreis gemacht hätte. Sowas hatte ich als Lehrerin noch nie und das war hervorragend und gibt mir ganz viel Kraft zurück.

Nächster Morgen, viel zu wenig Schlaf, viel zu nieselig grau – und die Zukunftsklasse steht pünktlich am Kai und macht beim nächsten Workshop mit! Alle! Die Seminarleiter waren begeistert und ich auch. Die Müdigkeit hat bei einigen von euch die schwächeren Seiten hervor gebracht, aber selbst die waren noch so diskussionsfreudig, so offen und arbeitswillig, dass ihr damit die Außenstehenden gut beeindruckt habt. Große Klasse, Zukunftsklasse!

Während sich die meisten anschließend ins wohlverdiente Wochenende zurück gezogen haben, ist der harte Kern noch zur Demo gezogen, wo ich gelernt habe, dass ich dringend ein Megafon auftreiben sollte und das bester Lehrer-Kompliment meiner bisherigen Karriere bekam. Ich freue mich, so engagierte, begeisternde junge Erwachsene noch den Rest des Jahres begleiten zu dürfen und hoffe, euch auch weiterhin guter Coach und Reisebegleiterin zu sein!